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Sucht: Arbeiten bis zur Erschöpfung
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Sucht: Arbeiten bis zur Erschöpfung

Fleißige und engagierte Menschen sind in der Gesellschaft hoch angesehen. Doch die Leistungsbereitschaft kann zum Verhängnis werden: Deshalb gibt es Treffen für Arbeitssüchtige. Menschen, die durch viel Arbeit in eine gefährliche Abhängigkeit geraten sind.

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Dass die tägliche Arbeit im Beruf zur Sucht werden kann, hat die Stuttgarter Lehrerin Daniela Vogel (Name geändert) am eigenen Leib erfahren. Viele Jahre lebte die heute 56-jährige Pädagogin fast ausschließlich für ihre Schule. Eines Tages kam sie kraftlos und ausgebrannt in die Praxis ihres Hausarztes, der sie kurzerhand für vier Wochen krankschrieb. In dieser Zeit fing Vogel an, nach den Ursachen ihrer totalen Erschöpfung zu forschen. Dabei stieß die Lehrerin bei einem Streifzug im Internet auf die Anonymen Arbeitssüchtigen (AAS) und erkannte, dass sie ein echtes Problem hatte.

Das stressbedingte Hormon Adrenalin, das der Körper der 56-Jährigen bei jeder Arbeit unter Hochdruck ausgeschüttet hatte, wurde zur körpereigenen Droge. Ganz allmählich und völlig unbemerkt war die ehrgeizige Lehrerin davon abhängig geworden. Eine Liste einschlägiger Symptome der Arbeitssucht auf der AAS-Homepage traf überwiegend auf die angeschlagene Frau zu: Oft hatte sie bis zur völligen Erschöpfung gearbeitet, verzettelte sich dabei immer wieder, verlor das Wesentliche aus dem Blick. «Vor lauter Arbeit hatte ich keine Zeit mehr für Familie, Freunde und auch nicht mehr für mich selber», sagt die Lehrerin. Ihre Gesundheit hatte kaum noch einen Stellenwert.

Also beschloss Daniela Vogel im Januar 2004, an einem Treffen der Selbsthilfegruppe der Anonymen Arbeitssüchtigen bei der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen in Stuttgart Bad-Cannstatt teilzunehmen. In der Gemeinschaft begegnete sie zum ersten Mal Menschen, die sich in vergleichbaren Lebensumständen befanden und ganz offen darüber sprachen.

Die Gruppe orientiert sich an den «Zwölf Schritten», die ursprünglich von den Anonymen Alkoholikern entwickelt und später auch in einer für andere Süchte abgewandelten Form niedergeschrieben wurden. Sie beschreiben den Weg von der Erkenntnis der eigenen Abhängigkeit zur Genesung. Ziel: Ein gesundes Verhältnis zur Arbeit. «An den regelmäßigen Treffen nehmen nur Betroffene teil und keine Psychologen». So lauschte die Lehrerin zunächst den Berichten ihrer Leidensgenossen, bis ihr plötzlich die Tränen kamen. Spontan fand sie das Vertrauen, auch ihre Geschichte zu erzählen und fühlte sich verstanden.

«Ich habe in dieser Zeit sehr viel über mich und mein Problem gelernt, Fortschritte gemacht und Freunde gewonnen», sagt die 56-Jährige. Mit der Zeit lernte sie, stressfreier zu leben und übte schrittweise ein gesundes Arbeitsverhalten ein. Nach über einem Jahr reduzierte sich der Besuch der AAS-Meetings auf die Schulferienzeit. Doch kleinere Rückfälle blieben danach nicht aus. Wenn die Lehrerin merkte, dass die alten Verhaltensmuster durchkamen, ging sie wieder wöchentlich ins Meeting.

Unter den Betroffenen sei das Spektrum der Berufsgruppen breit: «Sekretärinnen, Verkäuferinnen, Angestellte, Sachbearbeiter ­ Arbeitende in der Verwaltung und Wirtschaft». Besonders gefährdet seien Berufstätige, bei denen die Aufgabe über der Zeit stehe. «Es gibt aber auch diejenigen, die stempeln und trotzdem Druck spüren und zu einem übertriebenen Perfektionismus neigen».

So sei der durchschnittliche Arbeitssüchtige von zwei wesentlichen Merkmalen gekennzeichnet: «Wir vermeiden zunächst Arbeit, schieben alles auf ­ als Versuch, auf die Droge zu verzichten. Dann wieder stürzen wir uns in die Arbeit und können nicht mehr loslassen.» Im Gegensatz zum Alkoholiker kann der Arbeitssüchtige sein Suchtmittel nicht meiden, weil man arbeiten muss, um zu leben.

Für Vogel ist es ein ständiger Kampf zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Gefährlich werde es für sie, wenn sie ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werde: «Dann muss ich aufpassen, dass ich mich dafür nicht verurteile.» Denn es gebe ja niemanden, der sie dafür kritisiere. Deshalb hat die 56-Jährige für sich sogenannte Bottom-Lines festgelegt. «Ich versuche nach 22 Uhr und am Wochenende nicht für die Schule zu arbeiten, zu Hause nach jeder Arbeitszeit von einer Stunde eine Pause einzulegen, schöne Freizeitaktivitäten zu pflegen und Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen.» dpa


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